Wohin mit dem Geld ?
Brasiliens Wirtschaft wächst und wächst, und eine Ende des Aufschwungs ist keineswegs absehbar. Seit 2005 finden in dem temperamentvollen Markt wichtige und umfangreiche Transaktionen fast im Wochentakt statt. Durch Börsengänge, Landkäufe, Übernahmen und Fusionen bewegt sich eine riesige Menge Kapital, und die Zahl der brasilianischen Dollarmillionäre wächst täglich. Laut dem World Wealth Report waren es Ende 2009 knapp 150.000, 12 Prozent mehr als 2008, und seither dürften mindestens weitere 20.000 hinzugekommen sein. Wohin also mit dem ganzen Geld, fragen sich neben den frischgebackenen Millionären natürlich auch Vermögensverwalter und Anlageberater.

Traditionell bevorzugten brasilianische Anleger bisher das Ausland, darunter auch die Schweiz. Seit der Krise 2008 ist diese Tendenz zunehmend rückläufig. Gründe dafür sind deutlich bessere Renditen und ein zunehmendes Vertrauen der Brasilianer in die langfristige Stabilität der heimische Finanzwirtschaft - eine neuartige Konstellation, die brasilianischen Vermögensverwaltern einen Zulauf an Kunden und Kapital in bisher unbekannten Dimensionen beschert. 2010 wuchs die Zahl der Onshore Anleger um 10 Prozent. Das verwaltete Vermögen stieg um 23 Prozent auf 225 Milliarden Dollar, und für 2011 rechnet man mit einer Zuwachsrate zwischen 15 und 20 Prozent.

Schweizer Banken beobachten diesen Trend seit Beginn und reagieren darauf. Bereits Ende 2006 positionierte sich die Credit Suisse mit dem Erwerb der Mehrheitsanteile bei dem Finanzdienstleister Hedging-Griffo im brasilianischen Binnenmarkt und folgte damit der Vorliebe vieler brasilianischer Anleger, Private Banking mit Investitionsgeschäften zu verknüpfen. Nachdem die CS Hedging-Griffo innerhalb weniger Jahre ihre brasilianischen Geschäfte verdoppeln konnte, zogen im April 2010 die Züricher Grossbank UBS mit dem Kauf von Link Investimentos und im Mai 2011 Julius Bär mit der Übernahme von 30 Prozent des Vermögensverwalters GPS nach.

Umgekehrt verstärken brasilianische Banken ihr Engagement in der Schweiz, auch mit Blick auf das dort liegende Geld ihrer Landsleute. Im August 2010 eröffnete die Itau Unibanco, die grösste Privatbank Brasiliens, eine Filiale in Zürich, die auch Private Banking Services für brasilianische Großkunden anbietet. Für international tätige brasilianische Konzerne wird eine Firmengründung Schweiz so in vieler Hinsicht noch sinnvoller als zuvor. Aus steuertechnischer Sicht können sie über ihre schweizer Niederlassungen und Tochtergesellschaften einen Großteil ihrer Ausfuhrgeschäfte abwickeln, Exporte in südamerikanische Nachbarstaaten mit eingeschlossen. Seit 2006 verlegten unter anderem der Rohstoffriese Vale SA, der Ethanolexporteur Coimex und der Stahl- und Textilkonzern Vicunha CSN ihre europäischen Hauptniederlassungen von Belgien in die Alpenrepublik. Auch die von Vicunha CSN kontrollierte Banco Fibra regelt ihre internationalen Geschäfte von dort aus.

Zwischen 2005 und 2009 registrierten Schweizer Banken deklarierte  Eingänge im Wert von 1,1 Milliarden Dollar aus Brasilien, mehr als aus jedem anderen Schwellenland. Insgesamt liegen zur Zeit rund 6 Milliarden Dollar an brasilianischem Vermögenskapital offiziell auf Schweizer Banken (mehr als aus Saudiarabien, Indien oder China) und Insider schätzen den Wert der zusätzlich auf dem Umweg über Drittländer in der Schweiz deponierten Gelder auf das Zehnfache. Da seit 2009 brasilianische Einlagen bei Vermögensverwaltern weltweit um weitere 20 Prozent wuchsen, ist das Wettrennen der Finanzdienstleister um diese neuen Millionen mittlerweile an beiden Fronten im vollen Gang.

Im September 2011 machte die schweizer UBS Brasilien zum Hauptsitz ihrer Geschäfte in Lateinamerika, im November entschied sich Credit Suisse zur vollständungen Übernahme der Hedging-Griffo. Im selben Monat sorgte die brasilianische Banco Safra für einen Paukenschlag, als sie bei dem Verkauf die Mehrheitsanteile der schweizer Privatbank Sarasin überraschend vor Julius Bär und der Raiffeisenbank das Rennen machte. Mit der Übernahme von Sarasin avanciert Safra Gruppe, die bereits mit einer Tocher in der Schweiz tätig ist und 2005 durch den Kauf eines Ablegers der schweizer Banca Del Gottardo in Monaco von sich reden gemacht hatte, zum viertgrößten Vermögensverwalter in der Schweiz, gleich hinter UBS, Credit Suisse und Pictet, und vor Julius Bär. Zudem plant die Itaú Unibanco, die ihm Rahmen ihrer Internationalisierung unter anderem auch in Argentinien, Chile, Uruguay und den USA Anteile an Banken erworben hat und deren Börsenwert mittlerweile den Deutschen Bank um mehr als das Dopplete übersteigt, die Verlegung ihres europäischen Hauptsitzes von Luxemburg nach Zürich.

Wer das Rennen um die neuen (und alten) brasilianischen Millionen machen wird, ist ungewiss. Sicher scheint nur dass sich der brasilianische Boom, angespornt durch die  infrastrulturelle Herasuforderungen durch Ölfunde vor der brasilianischen Küste und die Vorbereitung auf die Fussball WM 2014 und die Olympiade 2016 weiter fortsetzen wird,  und damit auch die Zahl neuer (und reicherer) brasilianischer Millionäre.
 
 

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