Brasilien sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Was die Produktion und die Verarbeitung des Trendbaustoffes Bambus abgeht, enthält diese scherzhafte Aussage einen guten Schuss Wahrheit. Bambus ist in Südamerika ebenso endemisch wie in China und mit einer hohen Vielfalt an Arten vertreten. Es wächst schneller und ist härter als viele traditionelle brasilianische Bauhölzer, könnte neue Wirtschaftzweige erschliessen, Arbeitspläze schaffen und bei der nachhaltigen Bewirtschaftung von Amazonas und Atlantischem Regenwald helfen. Angesichts dieser rundum positiven Ausgangslage erstaunt das bisher eher geringe Interesse der brasilianischen Wirtschaft an dem Riesengras.
Vielseitig, schnellwachsend, langlebig und nachhaltig - Bambus wird von führenden Architekten, Ingenieuren und Umweltschützern weltweit als das Holz des 21. Jahrhunderts gepriesen.
China entwickelte seit der Jahrtausendwende eine Industrie zur
industriellen Verarbeitung von Bambus. Spanholz aus Bambus, Verplankung
für LkWs, Bambus-Deckenverkleidungen und
Bambusparkett werden
mit Erfolg exportiert. Während der asiatische Riese in den letzten
Jahren seine Anbaufläche um 25 Prozent auf 4,2 Millionen Hektar
vergrößerte, fristet Bambus in Brasilien bis heute ein Nischendasein.
Dabei besitzt Brasilien alle natürlichen Voraussetzungen, um erfolgreich
in diesen Markt einzusteigen, ja sogar darin eine Führungsrolle
anzustreben. Das Land stellt ein Drittel der rund 700 in Lateinamerika vorkommenden Bambus Spezies, wobei die Bundesstaaten São Paulo, Minas Gerais, Santa Catarina, Paraná und Bahia - alle
ökonomisch gut entwickelt und mit guter Infrastruktur - die grösste
natürliche Artenvielfalt aufweisen. Bambus würde hier auf industriellen
Plantagen wie Unkraut gedeihen, von kurzen Transportwegen profitieren
und könnte zudem die Bemühungen der Behörden zur Reduktion des illegalen
Abschlags von Langhölzern im Amazonas sinnvoll ergänzen.
Diesem Potential entgegen steht bisher eine vergleichsweise geringe Zahl
von Forschungs- und Entwicklungsprojekten. Langjährige südamerikanische
Bambusbefürworter wie die international anerkannten Architekten und Ingenieure Oscar Hidalgo Lopes, Simon Velez, Ana Cecilia Chaves, Celina Llerena und Kosrow
Ghavami sehen die Hauptgründe hierfür in einer unzureichenden kulturellen
Akzeptanz (Bambus gilt in Südamerika als "Holz der Armen") und der
fehlenden Lobby in Politik und Wirtschaft. Dass Brasilien im Bambus
Sektor in Zukunft quantitativ eine bedeutende Rolle spielen wird,
meinen sie, erscheint angesichts der natürlichen Voraussetzungen gerade
unausweichlich. Ob es sich als innovativer Marktführer etablieren kann
hängt davon ab, ob und wie zügig schnell Anbaugebiete freigegeben und
Forschungsgelder bereitgestellt werden können.