Orkut und Brasilien
Was für die deutsche Internetnutzer Facebook oder StudVIZ, das ist für die Brasilianer das soziale Netzwerk Orkut. Orkut stammt aus dem Hause Google und startete Anfang 2004 als ein für die USA konzipiertes Communityportal nach dem Muster von Friendster und Facebook. Namensgeber war der türkische Chefentwickler des Portals, Orkut Büyükkökten. Wer er noch irgendjemand anders dachten damals daran, dass die Plattform ausgerechnet in Brasilien Erfolg haben und 4 Jahre später ihren Sitz dorthin verlegen würde. Orkut wurde von brasilianischen Nutzern schlichtweg überrannt - ein Vorgang, der Internethistoriker zu dem Begriff "Brazilian Takeover" inspirierte.

Während des ersten Betriebesjahres stammte die Mehrheit der Orkut Nutzer noch aus den USA und Kanada. In einem vermutlich durch Einladungen auslandsbrasilianischer Nutzer an ihre Landsleute zuhause ausgelösten Prozess avancierte Orkut in der Folge zu einer erdrutschartigen Moderscheinuung in Brasilien. In einer Zeit, in der sich das brasilianische Internet in einer rapiden Wachstumsphase befand, meldeten sich innerhalb weniger Monate Abertausende von Brasilianern bei Orkut an. Da viele von ihnen des Englischen kaum mächtig waren, wurde die Plattform bereits Mitte 2005 um eine portugiesische Fassung erweitert.

Zu diesem Zeitpunkt war der grösste Teil der anglophilen Orkut-Nutzer, augenscheinlich verschreckt durch den hohen Fremdsprachenanteil, schon zu Facebook und Friendster abgewandert. Orkut hatte - völlig ungewollt - eine neue Nische erschlossen und benötigte einige Zeit, um sich dessen bewusst zu werden. Orkut Büyükkökten selbst begab sich 2007 auf der Suche nach Erklärungen für das Phänomen nach Brasilien. Zur Vereinfachung der Rechtslange in dem nun mehrheitlich von Brasilianern und von brasilianischem Boden aus genutzten Netzwerk verkündete Google Mitte 2008 die Übertragung der Geschäftsleitung an Google Brasil. Orkut war nach Brasilien ausgewandert, und der "Brazilian Takeover" war vollendet. 

Orkut ist mit Abstand das wichtigste Soziale Netzwerk Brasiliens. 2009 waren dort über 30 Millionen Profile vergeben, bei rund 70 Millionen Internetnutzern eine respektable Quote. Instant Messaging, Social Networks und Chat - sie scheinen für Brasiliens Kultur geradezu geschaffen. Der Brazilian Takeover  stellte diese Tatasche und die ihr anhaftende Dynamik schon früh unter Beweis. Unvergessen ist bis heute die Episode der Nutzerin Katilce Miranda, deren Orkut Profil innerhalb von 10 Tagen von 4 Millionen Botschaften überschwemmt wurde, nachdem sie bei einem U2 Konzert zu Sänger Bono auf die Bühne durfte. Bis heute ist für viele junge Brasilianer eine Anmeldung bei Orkut, das mittlerweile über eine mobile Version und native Chatfunktionen verfügt, gleichbedeutend mit dem Einstieg ins Netz.

Mit ihrem Faible für Social Media liegen die Brasilianer zwanglos mitten im Trend, und spätestens seit dem aktuellen Höhenflug ihrer Wirtschaft interessiert man sich auch von internationaler Seite für ihre Gewohnheiten. In den letzten zwei konnten auch Facebook und andere Chat basierte Communityportale an Boden gewinnen. 2010 boomten landesweit sogenannte "Compra Coletiva"  (Co Shopping) Portale  - zwischen März 2010 und Februar 2011 erhöhte sich ihre Zahl von zwei auf über 1000. 2011 soll nun das Jahr des Social Commerce werden. Umfragen zufolge erkundigen sich 63 Prozent aller Brasilianer in sozialen Netzwerken über ein Produkt, bevor sie es kaufen. Nichts liegt für Hersteller näher, als dort direkt zu werben und zu verkaufen. Die ersten Restaurants bieten bereits Reservierungen über ihr Facebook Profil - der nächste Erdrutsch dürfte nicht mehr lange auf sich warten lassen.
 

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