Japan und der brasilianische Kaffee
Die Antwort auf die Frage, in welchem Land der Welt die grösste auslandsjapanische Gemeinschaft zu Hause ist, kommt für viele überraschend - in Brasilien. Etwa 1,5 Millionen Menschen japanischer Abstammung leben im Land des Fusballs und des Karnevals. Aus diesem Grunde ist auch die Beziehung der Japaner zum brasilianischen Kaffee um einiges intimer als gemeinhin angenommen. 

Die japanische Einwanderung in Brasilien entstand in den ersten Jahren des 20 Jahrhunderts, im Zuge einer Phase starker ländlicher Verarmung in Japan und eines gleichzeitigen massiven Mangels an Arbeitskräften auf brasilianischen Kaffeeplantagen. Angelockt durch Versprechungen der Regierungen beider Staaten, erreichten die ersten 160 japanischen Familien auf dem Frachter Kasato Maruaden Hafen von Santos im Jahre 1908. Einer der Organisatoren des Unternehmens, Ryo Mizuno, war es auch, der um 1910 die ersten Ladungen brasilianischen Kaffees nach Nippon brachte und in Tokios schickem Ginza Distrikt das Kaffeehaus "Cafe Paulista" eröffnete, das dort bis heute in Betrieb ist.

Kaffee aus Java war zu dieser Zeit in Asien zwar bereits im Handel, doch die Geschmacksnerven der Japaner erreichte der Café do Brasil durch Mizunos Initiative zuerst. Der geschäftstüchtige Unternehmer überzeugte den Bundesstaat Sao Paulo, ihn 10 Jahre lang gratis mit Kaffee zu beliefern und schuf ein Netz über 20 Filialen, eine davon in Shanghai. Die Investition sollte sich lohnen. 1922, im Jahr des Beginns der kommerziellen Einfuhr, hatte Kaffee aus Brasilien das indonesische Konkurrenzprodukt längst überrundet. 2010 ist Japan nach den USA und Deutschland der drittgrösste Importeur von Kaffee der Welt, und noch immer stammt der grösste Teil des in Japan verarbeiteten und konsumierten Kaffees aus Brasilien.

Wem heute in Tokio nach einer Tasse Kaffee zu Mute ist, findet diese zumeist im Radius von wenigen Metern, in einem von unzähligen Cafes und an Tausenden von Kaffeeautomaten - neuerdings, oder wie auch schon vor 100 Jahren, ab und an auch komplett umsonst: Die Firma Apex hatte beobachtet, dass die durchschnittliche Zeit zum Ausschank eines Kaffees durch einen Automaten etwa 30 Sekunden dauert - Zeit genug für einen kleinen Werbespot also. Kaffee als Marketingartikel macht mindestens so viel Sinn wie viele andere Werbegeschenke, wenn nicht sogar mehr - so sagte man sich, und rüstete 35.000 Automaten in Supermärkten, Büros und Universitäten mit Bildschirmen aus, auf denen während des Wartens auf das Getränk Sponsorenwerbung gezeigt wird, wenn eine Gratisausgabe gewählt wurde. Legt ein Kunde dagegen wert auf Ruhe und zieht es vor (ca. 50c) zu zahlen, bleibt die Anzeige stumm. 

Im futuristisch modernen urbanen Japan wird der Konsum von Koffein unweigerlich von löslichen Produkten, RTD (ready to drink) Drinks und einer Unzahl von Derivaten und Energy Drinks dominiert. Daneben findet man aber auch exzellenten frisch gemahlenen Kaffee, etwa in traditionellen Coffee Shops wie dem Cafe Paulista. Seit den 1990er Jahren steigert sich die Nachfrage nach Qualtitätskaffee konstant und nähert sich der von grünem Tee. Seit etwa 2005 betreiben brasilianische Markenkaffeehersteller mit wachsendem Erfolg eine Offensive zur Einführung von hochwertiger Sorten auf dem japanischen Markt. Die etwa 320.000 in Japan lebenden Brasilianer freut dies natürlich ganz besonders. 

 

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